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Jaulende Winde: Das Scharoun Ensemble in der Matthäuskirche


Das Scharoun Ensemble ist ein Global Player: Die Mitglieder der Berliner Philharmoniker laden zu ihrem eigenen Festival vor schneebedeckten Gipfeln nach Zermatt, sie residieren jedes Jahr bei der American Academy in Rom, sie gastieren in der ganzen Welt. Aber der Name ihrer Formation verpflichtet auch. Inmitten von Hans Scharouns unvollendetem Kulturforum steht die St. Matthäuskirche, als Ort für Austausch zwischen Kunst und Glauben gedacht. In dem lichten Schiff, das wie durch Bullaugen immer wieder Ausblicke auf die Schatzkammern der Staatsbibliothek und der Gemäldegalerie gewährt, gestaltet das Scharoun Ensemble eine Konzertreihe.


Deren zweites Jahr ging nun mit einem Benefizkonzert zu Ende, das Zugang ermöglichen will, mit einem Lift für Rollstuhlfahrer an der Sakristei. Aus Rom hat das Scharoun Ensemble Werke mitgebracht, die ihm junge amerikanische Komponisten auf die Finger geschrieben haben.


Anthony Cheung und Jesse Jones sind auch vor Ort und dirigieren ihre Stücke, in denen überraschend viele Glissandi an das Jaulen altersschwacher Sirenen oder den Wind über Ostia erinnern. Eine Suite feinster französischer Kammermusikware erinnert an den eleganten, zugleich etwas morbiden Charme von Zermatt. Aus den Gelegenheitsarbeiten von Debussy und Ravel bergen die Scharouns ein Funkeln vor dunklem Grund, überglänzt von Marie-Pierre Langlemets magischer Harfe. Gerd Wameling rezitiert mit wachsender Erregung Poes Erzählung „Die Maske des roten Todes", das André Caplet zu einer Fantasie des Zitterns und Zagens anregte. Erst unter nachtblauem Himmel, das Weinglas in der Hand, sortieren sich langsam die widerstreitenden Konzertzutaten. Ulrich Amling


 

Berliner Tagesspiegel, 19.5.2013

Beethovens feine Fäden
Das Scharoun Ensemble im Münchner Herkulessaal

Berliner Philharmonikern begegnet der Musikfreund in München nur selten. Am Montag konnte er zumindest eine kleine, feine Abordnung, das 1983 gegründete Scharoun Ensemble, im dicht besetzten Herkulessaal erleben. Mit jenen zwei nicht allzu oft live präsentierten Werken, die am Anfang der Geschichte dieses in unterschiedlichsten Formationen auftretenden Ensembles standen: Beethovens Septett op. 20 und Schuberts Oktett op. 166.
Beethovens Stück für Violine, Bratsche, Cello, Kontrabass, Klarinette, Fagott und Hörn atmet noch den Geist Mozart'scher Divertimenti. Es inspirierte die Berliner zum genau ausgehorchten Miteinandertonschön und kantabel. Samtweich, eröffnete die Klarinette das Adagio, und die Violine träumte weiter, bis alle zusammen ein feinfädiges, duftiges Satzgewebe spönnen. Ob im Menuett oder im Scherzo: Die sieben Musiker bauten auf ihre vorzügliche Feinabstimmung im Rhythmischen wie in der Klangbalance und leuchteten den Variationensatz dynamisch abwechslungsreich aus.
Schubert, der bei seinem 1824 entstandenen Oktett ganz auf Beethovens Spuren
wandelt, stockte die Besetzung mit einer zweiten Geige auf und wagte sich als Romantiker in tiefere emotionale Schichten. Das Scharoun Ensemble nutzte die Chance zu orchestralem Wohlklang, bewegte sich souverän durch die kontrapunktischen Passagen und achtete auf Binnenspannung und dynamische Fein-zeichnung. Ob ein; beseelter, verinnerlichter Ton von Klarinette und Violine, die Geschmeidigkeit von Hörn, Cello und Bratsche oder die kecke Präsenz von Fagott und Kontrabass gefragt waren - auf das Scharoun Ensemble war Verlass.
GABRIELE LUSTER

Münchner Merkur, 25.04.2012

Gute erste Halbzeit
Scharoun-Ensemble im Herkulessaal


Schon als sich das Scharoun Ensemble 1983 aus Mitgliedern der Berliner Philharmoniker gründete, lautete das erste Ziel, die ungewöhnlichen Besetzungen von Beethovens Septett op. 20 (Streicher, Klarinette, Fagott, Hörn) und Schuberts Oktett op. 166 (eine Violine mehr) realisieren zu können. Dass auch die gegenwärtige Besetzung noch aus Orchestermitgliedern besteht, hört man im Herkulessaal an der Leichtigkeit des Zusammenspiels. Die Bläser und Streicher stehen sich als ästhetisch definierte Gruppen gegenüber, man gewährt einander Raum für Soli, und Kammermusiktugenden wie die plötzliche Verschattung oder harmonische Schärfung des Klangs liegen sämtlich griffbereit.
Gleichzeitig aber müssen sich diese sieben beziehungsweise acht Herren auch nichts mehr beweisen, ihr Spiel zeigt deshalb einen wunderbar unaufwendigen und lässigen Zug. Beethoven, musiziert in fast eiligen Tempi, wirkt trotz des Hochkulturappeals geradezu sommerlich. Im Menuett lädt der Kontrabass auf den Tanzboden, der Variationssatz schöpft aus einem lustvollen Virtuosenmut, und das finale Presto jagt ein enthusiastisches Publikum in die Pause: Gesellschaftsmusik im besten Sinne.
Doch 1824, als Schubert sein Oktett
schrieb, war die dahinterstehende Tradition der Divertimenti und Serenaden abgerissen. Der alte Beethoven schätzte sein Septett nicht mehr sehr. Schubert jedoch kopierte seinen Formenbau aus Verehrung und Unsicherheit gleichermaßen
bis in die Details hinein. Schon weil die Kopie es auf die Länge von einer geschlagenen Stunde bringt, bleibt es eine Papieridee, beide Stücke in einem Konzert zu spielen. Zudem agiert das Scharoun für die dickere Instrumentation nun die entscheidende Spur zu lässig, auch nicht mehr ganz so formsicher, ganz so wendig.
Für Kammermusikensembles gilt dasselbe wie für Fußballmannschaften:
Gewonnen ist erst nach der zweiten Halbzeit.
Michael Stallknecht


 

Süddeutsche Zeitung, 25.4.2012

POLLINGER KONZERTE
Ein kleines Hörwunder
Das Berliner „Scharoun Ensemble" begeistert mit sprühender Vitalität

Polling - Die sechs Sätze von Ludwig van Beethovens so populärem Septett für Klarinette, Fagott, Hörn und jeweils einem Vertreter der Streicherfamilie op. 20 geben nachgerade lehrbuchmäßig einen Überblick über die während der Wiener Klassik gängigen Formteile. Ob langsame Einleitung in den Sonatenhauptsatz mündend, tiefsinniges Adagio, Tanzsatz-Typen in Form von leichtfüßigem Menuett und seinerzeit modernem Scherzo oder fantasievolle Variationskunst, man schwelgt im vollen Hörerglück. Was am Sonntagabend im Pollinger Bibliotheksaal allerdings nicht nur der wunderbaren, nicht allzu oft erlebbaren Kammermusik des in Bonn geborenen Genius zu verdanken war. sondern durch die Interpretation des „Scharoun Ensembles" bis zur Vollendung gebracht wurde. Benannt nach dem Architekten der Berliner Philharmonie, Hans Scharoun, musiziert das mit Bläser- und Streichersolisten in den verschiedensten Formationen besetzte Ensemble mit internationalem Erfolg auf sein 30-jähriges Bestehen im kommenden Jahr zu. Dem Ruf, der diesen Mitgliedern der Berliner Philharmoniker vorauseilt, werden sie auch in Polling gerecht. Erwartet hatte man also einen besonderen Abend, geschenkt bekam mäh ein kleines Hörwunder. Jede Note auf die musikalische Goldwaage gelegt, tupfen die sieben Künstler schmeichelnde Farben in den Saal, flirten mit den eingängigen Melodien, haucht die Klarinette im Adagio eine berückende Sehnsucht in die Seele. Satt und rund klingt der Ensemble-Sound im Menuette Mit selbst in Bruchteilen von Sekunden zugewandter, nicht voneinander lassender Aufmerksamkeit weben Klarinette und Fagott kleine Rubati ein, zupft der geniale Kontrabassist Peter Riegelbauer für seine traumwandlerisch sicheren Kollegen ein Blütenmeer als Teppich. Auch der Variationssatz zeigt, hier gibt es keinen Plauderton. hier hat man sich Substanzielles mitzuteilen. Der Trialog zwischen Violine, Bratsche und Cello gerät erlesen höflich und stets am Thema des anderen mit höchster Anteilnahme interessiert. Gepfeffert und doch federleicht, mit sich in purer Leichtigkeit auflösenden Übergängen - wie etwa nach der Kadenz des stets brillierenden, aber nie exaltierten Geigers
Wolfram Brandl - präsentiert man das Schluss-Presto.
Wie in kleinste Verästelungen differenziert das nach der Pause um eine zweite Violine ergänzte „Scharoun Ensemble" arbeitet, zeigt es ebenfalls in dem knapp 25 Jahre später (1824) komponierten Oktett von Franz Schubert. Zwischen Serenade und sinfonischen Elementen hin und her schwingend, bestechend in der Gesamtlinie, selbstvergessen hingegeben an diese geniale Kammermusik, fließen die langsamen Sätze wie goldgelber Honig. Als hüte man ein kostbares Geheimnis, dessen Wahrheit man von einem Instrument zum anderen reicht, teilen sich Bläser und Streicher das Opus 166 auf. Mit sprühender Vitalität und begeisterter Spielfreude, abhebenden Crescendi, „Tatorte-Spannung erzeugenden Tremoli greift man auf das kammermusikalische Meisterwerk zu. Jubel am Ende, selbst fremde Konzertbesucher lächeln sich an diesem Konzertabend einander zu.
Dorothe Fleege


 


 

Weilheimer Tageblatt, 24.4.2012

Das Scharoun Ensemble spielt Beethovens Septett


von Chrstiane Tewinkel


Abfällig äußert sich Ludwig van Beethoven über sein eigenes Septett op. 20 und auch zum Bläsersextett op. 71. Das Sextett, das er schon während der Bonner Zeit angefangen hatte, wechselte er in einem Tauschgeschäft mit seinem Verlag gegen einige Bände von Goethe und Schiller ein und warnte in einem Begleitbrief davor, dass es „von meinen frühen Sachen" sei und „noch dazu in einer Nacht geschrieben". Das Septett andererseits wurde vom Publikum so beliebt, dass es Beethoven auch wieder nicht recht war. Er könnte das Stück nicht leiden, schrieb sein Schüler Carl Czerny und erklärte Beethovens Reaktion so: Er habe sich über den „allgemeinen Beifall, das es erhielt", stets geärgert.
Insofern könnte sich Beethoven freuen, wenn er wüsste, was für eine schöne, behutsame und seziermessergenaue Aufnahme dieser beiden Stücke jetzt das Scharoun Ensemble Berlin vorgelegt hat, gemeinsam mit dem Klarinettisten Gaspare Vittorio Buonomano, der Hornistin Sarah Willis und dem Fagottisten Henning Trog. Elegant schwebt der erste Satz des Septetts ein, Adagio mit allegro con brio, das vor Aufregung fast zittern wird. Das Adagio cantabile an zweiter Stelle beginnt wie ein Miniatur-Klarinettenkonzert, in dem sich Alexander Bader von den Begleitstimmen gemächlich hinübertragen lässt zu Wolfram Brandl (Violine), der das Thema nun noch einmal aufnimmt, Variationen über eine eher bescheidene Melodie-Idee, die jedem Instrument seinen Auftritt gönnen. Für das Horn gibt es hier als Solo nur einen einfachen Quintsprung nach oben, mit trägem Zurücksinken über die Mollterz - doch adelt ein Musiker wie Stefan de Leval Jezierski sogar diese Passage.
Stark und dick wir eine Orgel tönen dagegen die Klarinetten-, Horn- und Fagott-Pärchen im ersten Satz des Sextetts op. 71. Das zierliche Trio im dritten Satz bietet darin eine fast wunderlich zu nennende Abwechslung.
Dass die zehn Mitwirkenden sämtlich Berliner Philharmoniker sind oder diesem Umfeld entstammen, entsprechend große Erfahren mit dem Ensemblespiel haben, glaubt man dieser Aufnahme immer wieder anzuhören, vor allem bei den vielen Tanzeinlagen, die stets duftig, nie trampelig geraten, von Klarinttenklang und Geigengesang oder in den famos glatt gespielten Parallelpassagen im Presto des Es-Dur-Septetts.

FAZ - Geschrieben in nur einer Nacht, 15.10.2011

Mit blindem Verständnis


Heilbronn - Sieben Mann, eine Frau: Das Geschlechterverhältnis im Scharoun Ensemble ist zwar noch entwicklungsfähig, die künstlerische Leistung dagegen ist Spitzenklasse. Das Gastspiel des Oktetts am Mittwoch beim Kulturring in der Harmonie gehört zweifellos zu den Höhepunkten des Konzertjahres 2011 in Heilbronn. Die Miniaturausgabe der Berliner Philharmoniker - alle acht sind Mitglieder des renommierten Orchesters - begeisterte rund 450 Klassikfreunde mit zwei sehr unterschiedlichen Werken von Dvorák und Schubert.


Die Tschechische Suite des böhmischen Komponisten Antonin Dvorák (1841-1904) in der Bearbeitung für Oktett von Ulf-Guido Schäfer ist an diesem Abend für die heiteren, verspielten Momente zuständig. Eine knappe halbe Stunde lang entfacht das Scharoun Ensemble einen charmanten Kammermusikzauber, dessen Fundament böhmisch-mährische Folklore ist. Vor allem die Bläser Alexander Bader (Klarinette), Stefan de Leval Jezierski (Horn) und Markus Weidmann (Fagott) unterstreichen mit solistischer Souveränität das Volkstümliche, was schon in der Natur ihrer Instrumente liegt.


Der Rhythmus rückt hier ins Zentrum der Interpretation, und das nicht nur bei Polka oder Ländler. Es ist Kontrabassist Peter Riegelbauer, der hier die Akzente setzt und seine Streicherkollegen Wolfram Brandl, Rachel Schmidt (beide Geige), Micha Afkham (Bratsche) und Richard Duven (Cello) quasi von unten herauf befeuert. Mit bestechender Leichtigkeit stürmen die acht Philharmoniker durch die Komposition.


Ernster Ton Doch dann kommt Franz Schubert (1797-1828) und mit ihm - trotz heiterer Momente - ein ernsterer Ton. Das eine Stunde dauernde Oktett F-Dur, das Schubert 1824 komponierte, hat fast schon sinfonischen Charakter. Es ist kein Geheimnis, dass Schubert sich stark an seinem großen Vorbild Beethoven und dessen Septett orientiert, dessen Besetzung Schubert um eine zweite Violine zum Oktett erweitert hat.


Virtuosität Beethoven hin, Sinfonisches her: Das Scharoun Ensemble lässt seine Klasse aufblitzen, indem es ganz auf die kammermusikalische Karte setzt. Hier spielen die Musiker ihre eigentlichen Stärken aus: im Filigranen, in solistischer Virtuosität. Der mitunter schwere Schubert wirkt so immer wieder leicht, durchsichtig. Vor allem im vierten Satz, wenn Wolfram Brandl das Thema anstimmt und seine Kollegen es in Variationen aufgreifen, wird deutlich welch solistische Klasse hier achtköpfig versammelt ist. Und dennoch präsentiert sich das Scharoun Ensemble nicht als Individualistengruppe, sondern als geschlossener Klangkörper, dessen Herkunft aus einem gemeinsamen großen Orchester hier zur Stärke wird: ein blindes Verständnis, mit dem sich die Musiker fast schon traumwandlerisch sicher durch die Komposition arbeiten.


Das hingerissene Publikum in der Harmonie erklatscht sich ausdauernd eine Zugabe


 

stimme.de/heilbronn, 9.12.2011 von Uwe Grosser

Publikum erlebt Sternstunde der Kammermusik
Detmold. Auf große arrivierte Künstler-Persönlichkeiten setzt die Reihe der von der Detmolder Hochschule für Musik ausgerichteten Meisterkonzerte. Dazu gehören zweifellos die acht Mitglieder des Scharoun-Ensembles, die am Dienstagabend im Konzerthaus wahre Beifallsstürme entfesselten. Der junge Ludwig van Beethoven soll recht verärgert gewesen sein. Immer wieder verlangte das Konzertpublikum nach einem einzigen Werk, obwohl er so viele andere Kompositionen zu bieten hatte. Doch auch heute, nach mehr als 200 Jahren, gehört sein Septett in Es-Dur (Opus 20) zu den großen Favoriten. Zumal, wenn es in einer derartigen Perfektion dargeboten wird wie von dem Ensemble, bestehend aus Mitgliedern der Berliner Philharmoniker, die mit ihrem Namen den Architekten ihres weltweit renommierten Konzertsaals, Hans Scharoun, ehren. Aufeinander hören und dennoch vollkommen souverän handeln - das gleicht der Quadratur des Kreises. Hier gelingt sie. gleichermaßen bewundernswert ist die Eleganz der Bogenführung bei den Streichern, die Phrasierungskunst der Bläser. Ein voller, satter Ton und gläserne Transparenz geraten in diesen perfekt austarierten Klangstrukturen keineswegs in Widerspruch. Und vielen Hörern ist zumindest das Menuett (das auch als Zugabe erklang) noch aus der Klavierstunde bekannt. In zügigem Tempo erhielt es, humorvoll und voller Esprit erklingend, eine neue Dosis Frische verpasst.


Eine tschechische Suite und gemäßigte Moderne
Begonnen hatte der Abend im Detmolder Konzerthaus mit einer viersätzigen tschechischen Suite von Antonín Dvorák, für Kammermusik in der klassischen Oktett-Formation bearbeitet von Ulf-Guido Schäfer. Die am Anfang stehende pastorale Melodie erinnert an den Beginn von Beethovens sechster Sinfonie. Wunderbare Ruhe, fern aller Erdenschwere, strahlt der dritte Satz aus. Eine zart singende Violine erhält Antwort vom Fagott, später von Klarinette und Horn. Schließlich wächst sich ein munterer Reigen zum turbulenten Finale aus. Gemäßigte Moderne gab es mit einem Divertissement für Fagott und Streichquintett von Jean Françaix (1912 - 1997) zu hören. Markus Weidmann ließ sein Instrument in schnellen Läufen kollern und setzte dagegen die großartige Phrasierung einer weit ausholenden Melodie. Später erhebt das Instrument heftigen Einspruch gegen das robuste Auftreten der Streicher. Doch bevor sich ein dissonantes Chaos entwickeln kann, wird die Auseinandersetzung mit einem knappen, aber deutlichen Ton beendet.

Lippische landeszeitung, 21.01.2012 von Ilse Franz Nevermann

SCHAROUN ENSEMBLE BERLIN ZU GAST IN DER HOCHSCHULE FÜR MUSIK
Musikalische Höhenflüge

Man kann sie ebenso zu den Wahrzeichen Berlins zählen wie den Reichstag oder das Brandenburger Tor: die Berliner Philharmonie mit ihrer goldgelben Fassade, dem unverwechselbaren Schwung der Silhouette und ihrem Konzertsaal mit seiner einzigartigen Architektur und Akustik. Erdacht und erbaut von Hans Scharoun, nach dessen Namen sich im Jahr 1983 Mitglieder der Berliner Philharmoniker benannt und das »Scharoun Ensemble« gegründet haben. Eine achtköpfige Kammermusikformation in variabler Zusammensetzung, halb aus Bläsern, halb aus Streichern bestehend. Denn schließlich muss es ja nicht immer Streichquartett sein. Oder Klaviertrio. Dass Kammermusik noch ganz andere Facetten und Farben hat, machten Aleksandar Ivic (Violine), Rachel Schmidt (Violine), Micha Afkham (Viola), Richard Duven (Violoncello), Peter Riegelbauer (Kontrabass), Alexander Bader (Klarinette), Markus Weidmann (Fagott) und Stefan de Leval Jezierski (Horn) beim jüngsten Meisterkonzert im Konzerthaus der Hochschule für Musik hörbar. Und es erwies seinem prominenten Namensgeber alle Ehre: Von Beginn des Konzertes an zeigte sich das Scharoun Ensemble meisterhaft, unverwechselbar, einzigartig. Bereits nach dem ersten Programmpunkt, Antonin Dvoráks Tschechischer Suite D-Dur op. 39 in der Bearbeitung für Kammerensemble von Ulf-Guido Schäfer, setzte nicht enden wollender Applaus ein. Mehr als berechtigt: Denn unbezwingbar fesselten die Ensemblemitglieder die Ohren ihrer Zuhörer mit diesem kleinen, lyrisch-leichten, wunderbar melodientrunkenen Musikstück, in das der Komponist die Rhythmen mährischer und böhmischer Volkstänze aufnimmt. Witzig, ideenreich, stimmungsvoll und gespickt mit raffinierten Rhythmen, ist es im besten Sinne des Wortes unterhaltend: Jean Françaixs Divertissement für Fagott und Streichquintett. Ein »Zeitvertreib«, mit dem das Ensemble vor der Pause seine Wandlungsfähigkeit unter Beweis stellte. Ganz in der Absicht Françaixs, der nach eigener Aussage stets bestrebt war, »musique pour faire plaisir«, Musik, die Freude macht, zu komponieren. Entsprechend gewitzt boten die Musiker dieses Werk dar, das mit seinen jähen Stimmungswechseln und virtuosen Einfällen bei weniger exzellent in Ohr und Spiel geschulten Musikern zu einem interpretatorischen Vabanquespiel geraten kann. Die Besetzung, die der junge Beethoven für sein Septett in Es-Dur, das zum Abschluss auf dem Programm stand, gewählt hat, ist keine gewöhnliche. Zum einen sind da die drei Bläser Klarinette, Horn und Fagott. Zum anderen die vier Streicher. Und diese nicht in der gewohnten Quartettbesetzung, sondern stattdessen mit Kontrabass-Unterstützung. Ein ganzer neuer Typus von Kammermusikensemble, den Beethoven da geschaffen hat: Sein Spektrum an Klangfarben kommt einem kleinen Orchester gleich. Klingt aber nicht so. Und soll es auch nicht. Eingeteilt in überschaubare Abschnitte mit deutlich abgegrenzten Melodien scheint Beethovens Opus 20 auf den ersten Blick ein unbeschwertes Musikstück zu sein. Aber es zeigt sich schnell, dass es weder banal noch seicht ist. Der Komponist kombiniert die Instrumente scheinbar x-beliebig, mischt Ähnliches, stellt Unterschiedliches gegenüber, misst jedem der sieben Instrumente immer wieder Gewicht bei. Nie hält er an einer Anordnung lange fest, lässt durch rasche Veränderung keine Langeweile aufkommen. Das Publikum lauschte in staunender Atemlosigkeit: ja, die Musiker des Scharoun-Ensembles sind Klangmagier der Spitzenklasse. Vollblutkammermusiker. Einzelstreiter und Mannschaftskollegen. Spielen symphonisch und individuell zugleich. Sind Solisten, Kammer- und Orchestermusiker gleichermaßen, die jeden Ton ihrer Instrumente wie auf Samtkissen tragen. Behutsam und doch eindringlich schieben sich die Bögen über die Seiten, in einem unendlich langen Atem fließt die Luft durch die Klappen und Ventile. Sie ziehen Tonfäden von ungeahnter Elastizität, dehnen Legatobögen bei Parallelpassagen in Vollendung ins Pianissimo, setzen Klänge dicht an dicht, verflechten Töne mit einer geradezu nebensächlichen Leichtigkeit und unangestrengter Präzision aufs Engste miteinander. Mit höchster Lebendigkeit teilen die Herren die Musik miteinander und teilen sich einander mit. Unverkennbar steht Freude an dem, was sie tun, in ihre Gesichter geschrieben. Da wandern Blicke hin und her. Da wird auf den Punkt hin geatmet. Sie verstehen es, sich zu mischen und voneinander abzugrenzen. Spielen stets mit genauem Ohr für die Partner. Die Intonation - rein. Die Einsätze - präzise. Die Stimmführung - transparent. Das Ergebnis ist ein so intensives, ein so leuchtend schwereloses Klangbild, das man es hören und wohl auch sehen muss, will man es begreifen. Virtuose Technik und hochkonzentrierte Musikalität flossen an diesem Abend zu einer beglückenden Einheit zusammen. Das Publikum zeigte sich hingerissen. Mitgerissen. Von prachtvoller Klangentfaltung bei maximaler Transparenz. Bewunderung und vor allem viel begeisterter Beifall am Ende für so viel Meisterschaft.

Lippe aktuell, 21.01.2012

ERLANGEN
Das Scharoun Ensemble zu Gast in der GVE-Konzertreihe

Die Berliner Philharmoniker in Erlangen: en miniature! Acht Musiker dieses Weltorchesters, die den Namen ihres genialen Konzerthaus-Architekten, Scharoun, als Logo tragen, zelebrierten beim GVE Kammermusik auf allerhöchstem Niveau. Mit ihrer kongenialen Interpretation zweier Werke der Wiener Klassik und einem der klassischen Moderne begeisterten sie die angespannt lauschenden Zuhörer in der Ladeshalle. Mozarts burschikos-beschwingtes Hornquintett in Es-Dur KV407, in dem der vorzügliche Solist Stefan de Leval Jezierski seine virtuosen Fähigkeiten gemeinsam mit den Streichern eindrucksvoll demonstrieren konnte, stand am Anfang eines atem-beraubenden, glanzvollen Abends, den diese herausragenden Meister ihres Instruments mit Inbrunst gestalteten. Bestechende Stilsicherheit, exzellent aufeinander abgestimmtes, präzises, von tiefer Musikalität geprägtes Zusammenspiel zeigte sich hier und in den folgenden Werken, die das Scharoun-Ensemble mit großem Einsatz, in perfekter Weise und mit bewegender innerer Anteilnahme präsentierte. Vielschichtiges Werk Auf das dreisätzige, dialogisch aufgebaute, wegen zweier Bratschen kraftvoll wirkende Quintett folgte noch vor der Pause Paul Hindemiths monumentales Bläsertrio mit Streichquintett, das der Komponist in den fünfziger Jahren des letzten Jahrhunderts den Berliner Philharmonikern gewidmet hatte. In diesem Kompendium verschiedener Stilrichtungen mit thematischen Bezügen zur Barock- und Trivialmusik unserer Zeit gelang es den mit Intensität musizierenden Interpreten, ihre herausragenden gestalterischen Fähigkeiten bei der Interpretation dieses vielschichtigen Werkes in souveräner Weise zu vermitteln. Bereits im furiosen, zugleich kompakten und leidenschaftlichen ersten Satz - mit Jazz-Anklängen - konnten die Zuhörer erkennen, welchen Wert die versierten, hervorragend harmonierenden Musiker darauf legen, die komplexe Struktur des Oktetts transparent zu machen. Auch die vier folgenden, höchst differenzierten Sätze boten die konzentriert spielenden Künstler in jeder Hinsicht makellos dar, vornehmlich der langsame, bedrückend wirkende dritte Satz gelang vorzüglich. Temperamentvoll und emphatisch gerieten danach sowohl Scherzo als auch das parodieartige Fugen-Finale, so dass sich der „Hindemith" dem Publikum als ein prachtvolles Musikpanorama erschloss. Mit Beethovens berühmtem, gerade von den „Scharouns" auf CD eingespieltem Septett in Es-Dur op.20 beendeten diese exzellenten und kreativen Kammermusiker einen Konzertabend, der für die Freunde dieses Genres ein Erlebnis der besonderen Art war. Alle sechs, von Beethoven geschaffenen, kunstund fantasievoll arrangierten Sätze wurden so hinreißend dargeboten, dass dieses prächtige Werk aus dem Jahr 1800 die Musikliebhaber auch heute noch in seinen Bann zieht. Der wunderschöne Adagio-Satz mit seiner einschmeichelnden Klarinetten-Kantilene, das populäre, saftige Menuett, aber auch die raffiniert gestalteten Variationen mit ihren Solopartien, schließlich das Scherzo und das stürmisch-jagende Final-Presto, all diese instrumentalen Geniestreiche des 30-jährigen Beethoven spielte das Scharoun-Ensemble aus Berlin expressiv, mit Witz, Eleganz und technischer Brillanz, die ihresgleichen sucht: Kammermusik vom Feinsten. Mehr ist nicht zu sagen!

Erlanger Nachrichten, 11.05.2011 von Diethard Hennig

WARBURG
Musikalisches Geschenk zum 975. Stadtgeburtstag

Instrumentalisten des Scharoun-Ensembles der Berliner Philharmoniker brillieren beim Warburger Meisterkonzert


Die alte Hansestadt Warburg steht in diesem Jahr ganz im Zeichen des 975-jährigen Stadtjubiläums. Zu besonderen Anlässen darf man sich auch schon mal etwas Besonderes leisten. Am Freitag hatte sich die Stadt Warburg anlässlich der Jahrfeier die Berliner Philharmoniker zum Meisterkonzert gegönnt.


Nun ja, nicht alle, denn das Orchester verfügt über 129 Planstellen. Die Bühne des Warburger Gymnasiums ist zwar groß, aber nicht so groß. Und der Chefdirigent, Sir Simon Rattle, war auch nicht dabei. Aber die Violinisten Wolfram Brandl und Rachel Schmidt, Bratschist Micha Afkham, Cellist Richard Duven, Kontrabassist Peter Riegelbauer, Klarinettist Alexander Bader und Hornist Stefan de Leval Jezierski sind allesamt ordentliche Mitglieder des renommiertesten deutschen Klangkörpers.



Lediglich Fagottist Volker Tessmann, der für den erkrankten Markus Weidmann eingesprungen war, hat seinen Arbeitsplatz nicht in den Reihen der Berliner Philharmoniker. Aber auch Tessmann ist nicht irgendwer. Volker Tessmann (43) ist Professor für Fagott an der Berliner Hanns-Eisler-Musikhochschule und ein wirklich adäquater Ersatz für das ausgefallene feste Ensemblemitglied.


"Mit diesem Konzert machen wir uns auch selbst ein Geschenk", sagte Beiratsprecher Peter Ernst. Das Geschenk hat das Warburger Publikum im ausverkauften Saal gerne mit dem Meisterkonzert-Beirat geteilt. Vier Minuten dauerte der Schlussapplaus am Freitagabend. In den Gesichtern der Musiker war sogar eine Spur von Verlegenheit zu lesen gewesen, dass sie den Warburgern nicht noch eine Zugabe schenken konnten.


Sie hatten einfach keine vorbereitet. Allerdings, ist es auch schwierig, auf Schuberts F-Dur-Oktett noch etwas nachzuschieben. Dieses Großwerk, dessen sechs Sätze annähernd eine Stunde dauern, verlangte den Instrumentalisten alles ab und so etwas muss auch Gelegenheit haben, beim Zuhörer im Geiste nachklingen zu können. Eine Zugabe wäre nur kontraproduktiv für die Essenz dieses herausragende Musikerlebnisses gewesen. Zwei Namen, zwei Werke, die Programmfolge des Konzerts war ausgesprochen übersichtlich. Neben Schubert wurde das nur unwesentlich schmalere Es-Dus-Septett von Beethoven gegeben.


Spielerische Präzision, exzellente Werktreue aber vor allem eine einzigartige Intensität in der Interpretation zeichneten das Warburger Konzert des Scharoun- Ensemble aus. Benannt ist die Formation übrigens nach dem Architekten Hans Scharoun, der das Haus der Berliner Philharmonie erbaut hat. Die beiden in Warburg zur Aufführung gebrachten Werke gehören seit 28 Jahren, so lange wie das Ensemble besteht, zum Basisrepertoire, das doch immer wieder durch die nachwachsenden Ensemblemitgliedern neu zur Perfektion gebracht werden muss.


Einen Dirigenten braucht das Ensemble dazu nicht. Es sind die erfahrenen, langgedienten Musiker wie die Gründungsmitglieder Hornist Stefan de Leval Jezierski, Kontrabassist Peter Riegelbauer, Cellist Richard Duven (seit 1986) oder Wolfram Brandl, der seit 2002 als erster Violinist eine Hauptrolle unter den Streichern einnimmt, die für die Kontinuität im Klang des Ensembles sorgen.


 


Neue Westfälische, 21.03.2011 von Burkhard Battran

Friday, March 11, 2011. Koerner Hall, Toronto
Sonic alert: A performance by eight first chairs of the Berliner Philharmoniker, arguably the world's best orchestra. What do you get? Total relaxation and thrilling alerts. The tutti chords that open Mozart's exquisite Quintet for Clarinet and Strings in A major, K. 581 are transparent, but you can hear the viola as if it were playing solo. You might be surprised to notice in the scherzo of Beethoven's Septet in E-flat major, Opus 20, that the colour-tones of the first violin and the bassoon are identical. You may never have heard winds played so softly as they do in a passage towards the end of the Septet. In general, what you get with this ensemble are complex harmonies articulated as clearly as anatomical drawings of nerves pulsing beneath a satiny skin.
The program is lighthearted music that has always been popular. Beethoven had occasion to remark that his Septet's popularity eclipsed what he estimated were his more deserving compositions. The lilting themes and rhythmic poetry of Dvorak's Czech Suite in D Major, Op. 39 are formed into a sequence of popular dances (including a ‘Polka' and a ‘Mazurka'). Dvorak based the Suite on classic Bohemian folk songs, of which the composer Leos Janacek has said "(they) were as if he had taken them from my heart."
The Clarinet Quintet in A, one of Mozart's most popular chamber works, has the same golden glow and mellow warmth as his opera Cosi fan tutte, commissioned in the same year, 1789, by Emperor Joseph II. Mozart intended his cast of five instruments to sing like vocalists as they flow with a sure sense of drama through what amount to solo arias, duets, dances and choruses. And the Scharoun make it so.
Popular music, lighthearted music, means the music relaxes you rather than it puts you into a state of high alert for plumbing depths or gathering nuances. With an ensemble of the quality we experienced this evening, you can just lay back, and the fine discriminations come along by themselves like invited guests. For example, in 50 years of listening to the The Clarinet Quintet in A, last night, during the larghetto, was the first and only time I felt as if I were lifted out of my body. That was pretty fine.
It remains only to note some passages of astonishing solo work: Aleksandr Ivic's cadenza in the finale of the Mozart; Markus Weidmann's bassoon in the 2nd movement of the Dvorak; Stefan De Leval Jezierski's horn in the third movement of the Beethoven creating a stereoscopic perspective of distance; and Alexander Bader's clarinet, so obviously perfect in the Mozart, also thrilled in fleeting duets with bassoon and with Peter Riegelbauer's double bass in the opening dances of the Dvorak. In this particular work, the Scharoun Ensemble as a whole brought to me a unique impression of all nature singing in chorus.
One more instrument that performs sonic marvels needs to be mentioned: Koerner Hall. A few weeks ago, Ann Sofie von Otter told us we were lucky people to have such a hall. Too right! And this evening, if we ever needed a repeat of the lesson that there is an unbridgeable gap between listening to music on the finest sound system and listening to it live, the Scharoon Ensemble in Koerner Hall made that lesson live.

 


Showtimemagazin.de 12.3.2011, Stanley Fefferman

Berlin and CSO musicians join forces for an engaging night of chamber music

The Scharoun Ensemble, members of the Berlin Philharmonic, performed chamber works with CSO musicians Tuesday night at Symphony Center.
The Berlin Philharmonic musicians who comprise the Scharoun Ensemble joined with their Chicago Symphony Orchestra counterparts Tuesday night at Symphony Center to present works by Beethoven and Mendelssohn in an impressive, if not always technically immaculate, program of cornerstone chamber works.
Beethoven's Sextet in E flat major for winds (with an extended low-end boost by bassist Peter Rigelbauer, uncredited in the program) is a pleasurable romp in a Haydnesque, often bucolic landscape. Instead of the heaven-storming drama that characterizes Beethoven's later chamber music, this work leans towards simple joyousness, evident right away in the lilting clarinets.
That quality was balanced by a rich sonority from the rest of the players in this performance. The ensemble occasionally parted to make way for moments of solo brilliance that sometimes leaned toward raucousness-the horn rips, a prominent example.
There can be nothing so profound as Beethoven in an adagio state of mind, but the combined ensemble of outstanding Berlin and Chicago musicians appeared to have some lack of familiarity with each other's styles. That may have precluded them from the kind of daring phrasing and tempo shifts that would have made the second movement thrilling, rather than simply engaging. The ensemble took great joy in the counterpoint between the minuet's brusque opening horn calls and the simplicity of the trio, and followed clarinetist Alexander Bader's lead to great effect in the finale.
Felix Mendelssohn's Octet is an Aconcagua of chamber music, particularly amazing since the composer wrote this masterwork at age 16.
At times the gregarious playing of the Scharoun musicians was in marked contrast to their more reserved CSO colleagues--a style that served the soaring opening well, but led to occasional missteps in intonation that proved distracting, marginally diminishing the overall effect.
Highlights included the brief, spooky viola interlude leading to the recapitulation in the opening movement, and the beautifully shaped cello lines in the second. Infectious energy permeated the sweet Midsummer Night's Dream-like scherzo, and the constant runs and crashing forward momentum in the finale put Mendelssohn's youthful vivacity on full display.
The Scharoun Ensemble (named after the architect who designed the orchestra's concert hall) finished the program with Beethoven's Septet, a seven-movement "everything but the kitchen sink" piece that was incredibly popular in the composer's lifetime, much to his eventual chagrin.
It's easy to see the appeal--the opening melody would have been right at home in an Italian opera house, and the violin cadenza in the finale allowed individual virtuosity to shine through. At times the solo-minded first violinist didn't quite integrate into the cohesive fabric of the ensemble, but overall the performance was a heroic and musically interesting journey through one of Beethoven's signature works.


Chicago Classical Reviews, Wed Mar 02, 2011 by Jesse McQuarters

Klangschönheit des Dichterworts
Berliner Philharmonie: ein Konzert für Hans Werner Henze

Es war ein besonderes, wohl unvergessliches Ereignis: Mit zwei Konzerten gaben die Berliner
Philharmoniker den Auftakt zum 85. Geburtstag von Hans Werner Henze. Raum lassend für weitere Gratulationen bis zum »Stichdatum«, dem 1. Juli. Und an folgenden Grüßen, Wünschen, Aktivitäten wird kein Mangel sein, denn Henze sorgte zeit seines Wirkens immer wieder für überraschende Entdeckungen. Die Attraktivität seiner Musik scheint ungebrochen, im vollbesetzten
Kammermusiksaal der Philharmonie erneut zu erleben. Henzes ganz eigene Ästhetik einer
fantastischen Klangwelt voller Schönheit und Emotionalität (einst heftiger Kritik der Avantgardisten
ausgesetzt) enthält jenes Menschlich-Anrührende, das auch ein größeres Publikum fasziniert.
Das Nachmittagsprogramm führte in eine Wunderwelt der Kammermusik. Nicht Abstrakt-Vertracktes war zu hören, sondern diffizile Musik, inspiriert durch bedeutsame Dichtung. Das hauseigene Scharoun Ensemble Berlin (Dirigent: David Afkham) hat meisterhaft gespielt: hinreißende Klangkultur, feinste Artikulation. Die Fantasie für Streichsextett »Der junge Törless«, ursprünglich eine Komposition für den Debüt-Film (1960) von Volker Schlöndorff nach einem Roman von Robert Musil: Das Quälen eines jüdischen Mitschülers durch Zöglinge eines Elite-Internats und das bloß passive Beobachten des Protagonisten ist als Gleichnis für das Verhalten des Bürgertums während der Nazidiktatur zu verstehen. Ein politisches Sujet, von Henze eindrucksvoll in nachdenklichen, meist zarten Klängen reflektiert.
Gedichte von Eduard Mörike wirkten Sinn gebend für ein Stück mit konzertierender Gitarre und 15
Soloinstrumenten: »Ode an eine Äolsharfe« (1956), für den im mediterranen Gefilde Italiens
lebenden Komponisten ein naheliegender Bezug. Überraschend das Soloinstrument Gitarre, fern mit dem antiken Vorbild verbunden. Henze hat sie durch virtuose Raffinesse und schwebenden Klang ausgerüstet, Jürgen Ruck spielte sie vorzüglich, mit fesselnder Ausstrahlung, inmitten des tiefer liegenden Begleitsounds glanzvoll platziert.
Besinnliche Schönheit des vierteiligen Zyklus (dessen Texte leider nur schlecht und recht von einem der Musiker eingesprochen) werden kontrastiert vom ironischen Lied »An Philomele« (die
Nachtigall), deren Gesang den Dichter wie den Gitarristen nicht vom Bier im Jägerschlößchen und
vom Kegelabend abhalten kann. Henzes deftige Ironie bewährt sich in geistvollem Konzertieren.
Tiefgründig ist ein weiterer Zyklus auf Hölderlins ebenfalls antikenahe Hymne »In lieblicher Bläue«,
Kammermusik 1958. Hier wirken Tenor (hervorragend: Andrew Staples), Gitarre (ebenso: Jürgen
Ruck) und acht Soloinstrumente zusammen. Kunstvoll und schwärmerisch die knabenhaft hellen,
virtuosen Vokalteile, die mit den Instrumentalparts wechseln. Musizieren nach dem Dichterwort:
expressiv, in schillernden Farben.
...

Neues Deutschland vom 2.2.2011, Liesel Markowski

Volkstribun moderner Musik
Eine Hommage der Philharmoniker für Hans Werner Henze zum 85.
Der Komponist Hans Werner Henze ist gerade älteren Verfechtern der Neuen Musik so etwas wie ein ungeliebter Volkstribun. Die Hommage, die die Berliner Philharmoniker dem Komponisten zu seinem 85. Geburtstag mit zwei Konzerten im Kammermusiksaal widmeten, zeigt den Grund: Henzes trotz Kriegsgrauen völlig ungebrochenes Vermögen, musikalischen Sinn geradeheraus mit einem konventionellen Verständnis von Schönheit zu identifizieren.
Schönheit ist die Kategorie, die etwa in der "Ode an eine Äolsharfe" Zusammenhänge stiftet, geschrieben nach Möricke-Gedichten 1985 als Musik für sechzehn Soloinstrumente. Gespielt werden sie vom Scharoun-Ensemble, jener mittlerweile fast 30 Jahre alten Kammerorchester-Abordnung der Berliner Philharmoniker, die den gleichermaßen weichen Klang wie das federnde Spiel ihrer Solisten nicht zuletzt mit Henze-Werken immer weiter kultiviert hat. Teils bietet der sanft sich vorschiebende Klang der barocken Instrumente die akustische Projektionsfläche für die Solo-Gitarre, teils überwuchert er als bedrohlich wälzende Klangmasse das Soloinstrument.
Im Spiel des formidablen Gitarristen Jürgen Ruck klingen die atonalen Phrasen sorgsam gegeneinander abgesetzt. Auf diese Weise entsteht musikalisch in der Tat jenes fein abgestufte Prisma hellsten Sonnenlichts, das Henzes Bild der griechischen Antike als eines zeit- und bedingungslos Schönen zusammenfasst.
Die "Kammermusik 1958" sorgt für eine weitere Ausdifferenzierung dieses Bildes: Henzes Lieblingsinstrument, die Gitarre, tritt nicht als moderne Äolsharfe, sondern allgemeiner als instrumentale Chiffre der Schönheit eines goldenen Zeitalters hervor. Ungefiltert durch etwaige klassizistische Fantasien soll es direkt in die hochdifferenzierte orchestrale Klangwelt des späten zwanzigsten Jahrhunderts hinüberwirken. Henze hat bei der Vertonung von Hölderlins Hymne "In lieblicher Bläue" mit bestechender Genauigkeit einen hochkomplexen musikalischen Rhythmus aus dem äußerlich prosaischen Text herausgehört, Andrew Staples setzt dies intelligent, mit der lyrisch-schlanken Chorsolisten-Stimme eines Kings-Singers-Tenors um. Das Bekenntnis zu intuitiv fassbarer Schönheit ist es, das Henze zu jenem Volkstribun der modernen Musik machte. Ausgerechnet er, der sich früh von den einschlägigen Zirkeln der musikalischen Avantgarde Westdeutschlands absetzte, wird deshalb von solide halbwissenden Konzertgängern wie kaum
ein anderer deutscher Komponist mit der Neuen Musik nach 1945 assoziiert. Der Schönheitssinn, gekoppelt mit Henzes feinem Gespür für die Möglichkeiten des Orchesters als moderner Klang- und Formstifter der Musik, ist populär und machte den Komponisten vermutlich auch einst für
den jungen Simon Rattle attraktiv. In der Koppelung der Henze-Werke mit einer Kammerfassung des "Lieds von der Erde" von Mahler, Rattles anderem Favoriten, ist die Hommage ebenfalls populär gedacht und trägt unverkennbar Rattles Handschrift.
Der Modernitätsbegriff von Henze und Mahler, die beide die musikalische Schönheit so plakativ wie bewusst subversiv gegen die Grauen des 20. Jahrhunderts setzten, ist auch derjenige Rattles. Dass er ihn hier an die nächste Musikergeneration weitergeben will, ist offensichtlich: vor allem an
ein radikal verjüngtes Scharoun-Ensemble, dirigiert von dem Mittzwanziger David Afkham. Dass das Gesamtwerk der populärsten lebenden Komponistenlegende in Deutschland von Rattle mit dem jüngsten unter den international tätigen deutschen Dirigenten in Verbindung gebracht wird, ist
auch ein Signal für die Zukunft der zeitgenössischen Musik.

Berliner Zeitung 3.2.2011, Matthias Nöther

Philharmonisches Ständchen für Hans Werner Henze 


Ein üppiges Ständchen war die Henze-Feier der Philharmoniker im Kammermusiksaal, vierstündig, gewaltig bekrönt von ihrer Orchester-Akademie unter Sir Simon Rattle mit Mahlers "Lied von der Erde". Dabei feiert der Komponist seinen 85. Geburtstag eigentlich erst im Juli.


Es gab Kammermusik zu Beginn, vorgetragen vom Scharoun-Ensemble mit Unterstützung zahlreicher Philharmoniker unter der sorgfältigen Leitung des jungen David Afkham. Als Solisten traten der hervorragende Gitarrist Jürgen Ruck und als stimmlich prachtvolle Überraschung der Tenor Andrew Staples an die Rampe. Sie lehrten alle vereint: die Zukunft der Musik hat längst
begonnen. Einer ihrer Lehrmeister ist über die Jahrzehnte hin fraglos Hans Werner Henze geworden. Seine Kammermusik über Hölderlins Hymne "In lieblicher Bläue" stammt aus dem Jahr 1958, zeigt aber schon deutlich Henzes einzigartigen Lyrismus, er versteht es, in immer neuen Anläufen der Inspiration einen weiten Auslauf zu geben.
Diese Fähigkeit hat ihn zum bedeutenden Musikdramatiker des abgelaufenen Jahrhunderts werden lassen. Das hört man schon aus seiner Filmmusik zu Schlöndorffs "Der junge Törless" heraus, selbst noch aus ihrer Verdichtung zum Streichsextett. Das einleitende Adagio besitzt bereits den Schmerzenslaut der bitteren, leidvollen Lebenserfahrung. Aggressiv und umstürzlerisch, beinahe schon parodistisch geschminkt tobt sie sich im 2. Violinkonzert (1971) aus, von Guy Braunstein bestechend virtuos vorgetragen. Aber natürlich hieß die Siegerin des späten Abends Magdalena Kozená. Sie sang die Soli des Mezzosoprans in Mahlers "Lied von der Erde", diese auskomponierten Trauerfeiern des Menschseins.

Berliner Morgenpost 2.02.2011, Klaus Geitel

Liebliche Bläue
Berliner Philharmoniker feiern Henzes Geburtstag

Einer der schönsten Filme über Heranwachsende, ihre Seele, Arroganz und Einsamkeit, ist „Der junge Törless" von Volker Schlöndorff. Hans Werner Henze hat die Gedankenmusik dazu gemacht, die erklingt, wenn der Dialog schweigt. Die Titelrolle spielt, blutjung, 1966 Mathieu Carrière, der sich erst kürzlich bei RTL im australischen Dschungel um neuen Starruhm beworben hat. Damals, in diesem vorbildlich ausgesparten Film, scheint sein Antlitz das Innere zu verschließen, das die Musik spiegelt. Ihre Aufführung für Streichsextett evoziert Bilder wie aus historischer Ferne: karges Land, Internat, Schlafsaal, Flucht, Nacht, Kutschfahrt.


Das Scharoun-Ensemble aus Berliner Philharmonikern eröffnet im Kammermusiksaal mit der wunderbar intonierten „Fantasia" das erste der Konzerte, die „Hans Werner Henze zum 85. Geburtstag" gewidmet sind.


Der Tag steht zwar noch aus, aber feiern kann man den Komponisten nicht genug. Die Musiker fühlen sich ihm „in Freundschaft und Dankbarkeit" verbunden, so „Pit" Riegelbauer. Sie spielen weiter „Ode an eine Äolsharfe" (1986). Mit Mörike ergibt sich eine feine Verbindung zum „Törless": „im Traume deine Knabengestalt". Zu den 15 Soloinstrumenten in bester Qualität (Charme der Bassflöte!) kommt, fabelhaft konzertierend, Gitarrist Jürgen Ruck.


„In lieblicher Bläue", der „Kammermusik 1958", ändert sich die Stimmung kaum. Die von Peter Pears kreierte Tenorpartie mit weitem Ambitus verziert nun brillant Andrew Staples. Dank Hölderlin scheint das ganze Ensemble unter David Afkham von Schönheit zu singen. Das Publikum wird eingesponnen in Henze und Gitarrenträume.


Tagesspiegel 31.01.2011, Sybill Mahlke

Berlin Philharmonic Scharoun Ensemble
Melbourne Recital Centre. November 15
Review, Clive O'Connell
A CONSOLATION prize for the great German orchestra performing only in Sydney and Perth was a solitary Australian recital here by this off-shoot of the Berlin Philharmonic, welcoming back into their ranks Australian composer-violist Brett Dean.
The Scharoun Ensemble's make-up - string quartet with double bass, clarinet, bassoon and French horn - allows for many combinations although this program ended in a work that used nearly all members, the Beethoven Septet in E flat, a delight.
The musicianship impressed almost from the opening bars of Mozart's Quintet for horn and strings, which took until the end of the first movement's exposition to settle. While the two-viola combination of Dean and Micha Afkham showed an impressive communality of purpose, the work was dominated by Stefan de Leval Jezierski's subtle horn line, which maintained accuracy and dynamic moderation even in tricky rapid figures.
Like all good performances, it passed too quickly.
Dean's recent Epitaphs for string quintet eulogises five of the composer's friends who died in a short time. Its most striking movements open and close the work: a splendidly textured memorial to Dorothy Porter, packed with high, light textures, and a wrenching requiem for the former artistic director of Opera Australia, Richard Hickox. Again, the confident attack and involvement of the Scharoun members contributed to the intensity, especially Peter Riegelbauer's vaulting solo in the middle-movement commemoration of BPO cellist Jan Diesselhorst.

Brisbane Times November 17, 2010



Wir Morgenmenschen
Sie sind das Herzstück der Philharmoniker:
Das Scharoun Ensemble sucht seit 25 Jahren neue Töne.
Die Truppe hat sich von Anfang an auch politisch engagiert.
Von Frederik Hanssen



Mit zwölf Jahren wollte Peter Riegelbauer nur eines: in einer Band spielen. Darum zögerte er nicht lange, als sein Musiklehrer jemanden für das Schulorchester suchte, der Kontrabass spielen wollte. Da er einer der Größten seines Jahrgangs war, wurde er angesprochen. Der vielversprechende Anfang einer Doppelkarriere: Denn kaum hatte Peter Riegelbauer sich die Grundlagen der Spieltechnik auf seinem mannshohen Streichinstrument erarbeitet, schnappte er sich auch einen E-Bass und rockte los. Das war Mitte der Siebziger im bayerischen Städtchen Georgensgmünd. Auch wenn sich Peter Riegelbauer nach dem Abi dann doch für die Klassik entschied, an der Nürnberger Musikhochschule aufgenommen wurde, und schließlich, am 8. Januar 1981, seinem 25. Geburtstag, das Probespiel bei den Berliner Philharmonikern bestand, ist er immer ein Musiker mit außergewöhnlich weitem Horizont geblieben. Die ganz und gar auf Herbert von Karajan eingeschworene Elitetruppe in der Mauerstadt erschien dem jungen Kontrabassisten darum am Anfang als fremde, hermetische Welt. Ein altehrwürdiges „Institut", wie Karajan gerne sagte, mit ebenso ehrwürdigen Instrumentalisten. Sicher, unter dem Megamaestro zu spielen faszinierte ihn, doch es war auch eine bleierne Zeit, das hässliche, stürmische Ende der langen Beziehung zwischen Karajan und dem Orchester kündigte sich bereits an. Kein Wunder, dass Peter Riegelbauer an seinem neuen Arbeitsplatz nach Gleichgesinnten suchte und sich schnell mit den anderen jungen Musikern der Philharmoniker zusammenfand, um Kammermusik zu machen. Mit der Geigerin Madeleine Carruzzo zum Beispiel, die kurz nach ihm als erste Frau überhaupt seit der Orchestergründung 1882 aufgenommen worden war, und mit dem Hornisten Stefan de Leval Jezierski, der seine Frau, die Cellistin Nella Hunkins, gleich mitbrachte, weil keiner der distinguierten Herren aus der Cello-Gruppe Interesse an dem Newcomerprojekt zeigte. Das erste Stück, das sich die noch namenlose Formation auf die Pulte stellte, war Franz Schuberts Oktett F-Dur für Klarinette, Horn, Fagott, Streichquartett und Kontrabass. Wochenlang vertieften sich die acht Musiker in die Noten, übten so lange, bis sie einen gemeinsamen Klang gefunden hatten, stritten leidenschaftlich über Interpretationsdetails. Denn eines war ihnen von Anfang an wichtig: Dass nicht hier ein Einziger das Sagen hat, sondern dass gemeinsam entschieden wird. Gelebte Basisdemokratie. Die kostet zwar Zeit und Nerven, doch das war es Peter Riegelbauer und seinen Mitstreitern wert. Riegelbauer selber hatte noch zu Studienzeiten zwei Kollektive mitbegründet, die heute in der Klassikszene wegen ihrer Freigeistigkeit weltberühmt sind: das Ensemble Modern und die Deutsche Kammerphilharmonie. Kaum hatte das Oktett 1983 im halb privaten Rahmen seine ersten Auftritte absolviert, wurden die Berliner Konzertveranstalter hellhörig. Ein Name musste her. Dass sie damals nicht, wie üblich, einen Komponisten, sondern Hans Scharoun zum Namenspatron auserkoren, hat Peter Riegelbauer nie bereut: Denn der Architekt der Philharmonie steht für eine Offenheit, die das Scharoun Ensemble seit nunmehr 25 Jahren auszeichnet. Sowohl was die Zahl der Mitspieler für die einzelnen Konzertprogramme angeht als auch bei der Wahl des Repertoires: Schuberts Oktett ist eine Konstante, oft haben sie Strawinskis „Geschichte vom Soldaten" gemacht, in jüngster Zeit zumeist mit Dominik Horwitz als Gast. Loriot wiederum hat das Publikum über 40-mal als prominenter Erzähler in Saint-Saëns „Karneval der Tiere" entzückt. Aber auch gesellschaftliches Engagement steht bei den Musikern hoch im Kurs: Ob Mitte der achtziger Jahre für die Alternative Liste im Wahlkampf, ob beim Friedenskonzert zum 40. Jahrestag des Kriegsendes, ob für Greenpeace oder für IPPNW, Ärzte gegen den Atomkrieg, anhand der Liste der Benefizkonzerte ließe sich auch eine linke Geschichte der Bundesrepublik erzählen. Dabei erwiesen sie sich immer wieder als Morgenmenschen: Mit geradezu gefräßiger Neugier probierten sie die unterschiedlichen Stile aus, mit aufstrebenden Komponisten wie Hans-Jürgen von Bose oder Matthias Pintscher entwickelte sich eine mehrjährige Zusammenarbeit, Jörg Widmann oder Thomas Adès schrieben nicht nur Stücke für das Ensemble, sondern spielten auch selber als Instrumentalisten mit. „Erst seit ich selber Stücke von Hans-Werner Henze mit ihm gemeinsam erarbeitet habe, verstehe ich die älteren Kollegen, die immer mit leuchtenden Augen erzählten, sie hätten noch unter Hindemith persönlich dessen Werke gespielt", sagt Riegelbauer. „Im direkten Dialog mit den Schöpfern erschließen sich die Werke wirklich viel besser. Was da bei den Proben erklärt wurde, vergisst man nie wieder." Als 1987 der von Scharoun entworfene Kammermusiksaal der Berliner Philharmonie eröffnet wurde, kamen die ersten offiziellen Klänge natürlich vom Scharoun-Ensemble: „Schattenleben", geschrieben von einem damals gerade angesagten Neutöner namens Ernst Bechert, war die musikalische Beigabe des Festakts. Abends folgte dann klassische Kulinarik mit Herbert von Karajan und Anne-Sophie Mutter, die Antonio Vivaldis „Vier Jahreszeiten" veredelten. Ohne die permanente Entdeckerarbeit des Scharoun-Ensembles wären die Berliner Philharmoniker heute nicht das Orchester des 21. Jahrhunderts, als das sie weltweit gefeiert werden, zuletzt bei ihrem Gastspiel in New York im November 2007. Im Bereich der zeitgenössischen Musik animierten die Scharounisten immer wieder ihre Kollegen, sich ihnen anzuschließen. Das Ensemble funktionierte dabei wie eine Wohngemeinschaft, in der immer die coolsten Partys stattfinden: Man kam hier ganz ohne den Zwang eines von der Intendanz ausgedachten Programms in Kontakt mit lebenden Komponisten, wurde neugierig, wollte mehr wissen - und ging dann wiederum die Herausforderungen einer Uraufführung im Orchester lockerer an. Dem bekennenden Klangabenteurer Simon Rattle, der schon 1991 mit dem Scharoun-Ensemble Schönbergs „Kammersinfonie" aufgeführt hatte, kommt diese Pionierarbeit des progressiven Orchesterflügels heute in seinem Bemühen entgegen, das Repertoire als Philharmoniker-Chefdirigent um Ungewöhnliches zu erweitern. Und Pierre Boulez, der Altmeister der Avantgarde, war von einem Auftritt der Truppe beim Salzburger „Kontrapunkte"-Festival so angetan, dass er dem Scharoun-Ensemble zum 25. Geburtstag ein Konzert unter seiner Leitung schenkte: Am heutigen Freitag im Kammermusiksaal der Philharmonie dirigiert Boulez ganz bescheiden mal nicht eigene Werke, sondern lässt Anton Webern, Alban Berg und Arnold Schönberg den Vortritt. Aus der Sicht des Scharoun Ensembles ein Abend mit echten Klassikern.
(Erschienen im gedruckten Tagesspiegel vom 18.04.2008)
 

Morgenmenschen Tagesspiegel 18.04.08

"Einen sachkundigeren Promoter als Pierre Boulez hätte sich das Scharoun-Ensemble zur Feier seines 25-jährigen Bestehens im Kammermusiksaal der Philharmonie nicht wünschen können. Unter seiner straffen, einsichtsvollen Leitung gelangen exemplarische Aufführungen der Werke von Schönberg, Berg und Webern. Dies wurde bejubelt, und darüber hinaus die Existenz des achtköpfigen Musikensembles, dem sich aus der Gründergeneration nur zwei Musiker erhalten haben. Doch die nachgerückten Instrumentalisten erwiesen sich ihren Vorgängern auf staunenswerte Art ebenbürtig. Die Arbeit im kommenden Vierteljahrhundert ist weiterhin auf höchstem Niveau gesichert. Mehr noch: Innerhalb des Ensembles hat sich ein Streichquartett herausgebildet, das mit den höchstrangigen internationalen Konkurrenten künstlerisch Schritt zu halten versteht. Es spielte die "Fünf Sätze" op.5 von Anton Webern mit unübertrefflichem Werkverständnis und mit gleichwertig instrumentaler Meisterschaft. Daneben klingt die einsätzige, aber vierteilige Kammersymphonie Nr. 1 von Schönberg in ihrer weiten Auffächerung geradezu schwelgerisch. Sie bekrönte als Schlussstück den ungewöhnlichen Konzertabend, in dessen Mitte, schier unübertrefflich, die kanadische Sopranistin Barbara Hannigan die anrührenden "Sieben frühen Lieder" von Alban Berg (in der glücklichen Bearbeitung für Kammerensemble von Reinbert de Leeuw) vortrug: eine Artistin auf dem Hochseil der Singkunst."

Berliner Morgenpost vom 20. April 2008

"Instead, a tireless group of them, the members of the Scharoun Ensemble Berlin, took the opportunity to present a chamber music program at Zankel Hall, which, like most events in this festival, was sold out. To judge from attendance, Berlin in Lights, which ends tomorrow, has been a solid success. The Scharoun Ensemble Berlin, founded in 1983 by members of the Berlin Philharmonic, is named for Hans Scharoun, the architect who designed the acoustically marvelous Berlin Philharmonie, the orchestra's home. The ensemble comprises the standard octet instrumentation: clarinet, horn, bassoon, two violins, viola, cello and double bass. Indeed, the group began its career with an acclaimed performance of Schubert's Octet in F for just those instruments. That remarkable 60-minute, six-movement work has become the group's signature piece: Thursday's program ended with an insightful, elegant and robust performance. The players were mostly young, utterly accomplished and ' a bit of a surprise ' all male."

NY Times, 17. November 2007